Physik, die im Gehirn ankommt

Wie funktioniert rTMS?
Von der Magnetspule zur Nervenzelle

rTMS (repetitive transkranielle Magnetstimulation) wirkt über kurze, starke Magnetimpulse, die von einer Spule außen am Kopf ausgehen und im darunterliegenden Hirngewebe kleine elektrische Ströme auslösen. Diese Ströme regen Nervenzellen zum Feuern an; über viele Wiederholungen kann sich die Aktivität und Vernetzung eines gezielten Areals neu justieren. Es ist nicht-invasiv, ohne Operation und ohne Narkose; Sie sind die ganze Zeit wach. Der Reiz, den die Spule setzt, ist derselbe, den Nervenzellen ohnehin verwenden: ein elektrischer Impuls, nur diesmal von außen und gezielt dort, wo ein Netzwerk zu leise geworden ist.

Zuletzt aktualisiert: 2026-07-25 · Medizinisch verantwortet von Dr. med. univ. Julian Douwes

Wie funktioniert rTMS? Von der Magnetspule zur Nervenzelle

Das Grundprinzip: Magnetfeld wird zu Strom

rTMS beruht auf einem physikalischen Grundgesetz (elektromagnetische Induktion): Ein sich schnell änderndes Magnetfeld erzeugt in einem Leiter einen elektrischen Strom. Der „Leiter“ ist hier Ihr Hirngewebe. Die Spule erzeugt für Sekundenbruchteile ein starkes Magnetfeld, das ungehindert durch Haut und Schädelknochen dringt, anders als Strom, der von der Kopfhaut abgeschirmt würde.

Direkt unter der Spule induziert dieses Feld einen kleinen Stromfluss, der Nervenzellen (Neurone) an dieser Stelle depolarisiert, also zum Feuern bringt. Man stimuliert damit nicht das ganze Gehirn, sondern gezielt ein oberflächennahes Areal.

Die Achterspule am MagVenture X100

Entscheidend für die Präzision ist die Form der Spule. Wir arbeiten mit einer Achterspule (Figure-8-Coil) am MagVenture X100. Bei dieser Bauform überlagern sich die Magnetfelder zweier runder Spulen genau in der Mitte, dort ist das induzierte Feld am stärksten. So lässt sich der Reiz auf ein relativ eng umgrenztes Areal fokussieren statt breit zu streuen.

Die Spule sitzt an einem gelenkigen Haltearm und wird präzise über dem Zielareal positioniert, bei der Depression meist über dem linken dorsolateralen präfrontalen Kortex. Welche Region bei Ihnen infrage kommt, entscheiden wir erst nach dem Assessment, nicht nach Schema F.

Warum viele Sitzungen? Neuroplastizität

Ein einzelner Impuls bringt nur kurz eine Nervenzelle zum Feuern. Der eigentliche Effekt entsteht durch Wiederholung: „repetitiv“ steht im Namen. Je nach Frequenz kann rTMS die Erregbarkeit eines Areals anheben (höhere Frequenzen) oder dämpfen (niedrigere Frequenzen).

Über viele Impulsserien und mehrere Sitzungen kann sich die Art, wie ein Areal arbeitet und mit anderen vernetzt ist, nachhaltiger verändern, dieses „Umlernen“ nennt man Neuroplastizität. Deshalb läuft rTMS klassisch über mehrere Wochen. Moderne Accelerated-Protokolle (Theta-Burst) verdichten viele Sitzungen auf wenige Tage.

Wie fühlt sich eine Sitzung an?

Sie sitzen bequem in einem Behandlungsstuhl; die Spule liegt außen am Kopf an. Eine klassische Sitzung dauert je nach Protokoll etwa 20–40 Minuten, Theta-Burst-Protokolle nur wenige Minuten. Sie hören ein taktendes Klopfen und spüren ein Klopfen oder Kribbeln auf der Kopfhaut, manchmal ein leichtes Zucken der Gesichts- oder Stirnmuskulatur.

Die häufigste Nebenwirkung sind vorübergehende Kopfschmerzen oder Kopfhautempfindlichkeit. Sehr selten sind Krampfanfälle, deshalb prüfen wir Kontraindikationen (z. B. Metallimplantate im Kopf) vorab sorgfältig. Danach können Sie unmittelbar Ihren Alltag fortsetzen; eine Erholungszeit ist nicht nötig.

Wobei kann rTMS helfen, und wobei nicht?

Am besten belegt ist rTMS bei der Depression, besonders bei unzureichendem Ansprechen auf Medikamente. Weitere Einsatzgebiete mit wachsender bis solider Evidenz sind Zwangsstörungen, Angststörungen, chronische Schmerzsyndrome und die motorische Rehabilitation nach Schlaganfall.

rTMS ist eines der am besten untersuchten Neuromodulationsverfahren; nicht jeder spricht gleich an; Studien beschreiben Durchschnitte, Ihr Verlauf ist individuell. Die Studienlage fassen wir transparent auf unserer Seite Wissenschaft & Studien zusammen; wie das Verfahren in unser Gesamtkonzept passt, zeigt Unser Programm. Mehr Details zu Ablauf und Indikationen finden Sie auf der rTMS-Behandlungsseite.

Häufige Fragen

Ist rTMS dasselbe wie eine Elektrokrampftherapie (EKT)?

Nein. rTMS ist keine Elektrokrampftherapie. Es fließt kein Strom durch Ihren Körper, Sie erhalten keine Narkose und es wird kein Krampfanfall ausgelöst. Sie sind während der gesamten Sitzung wach und ansprechbar.

Spüre ich die Magnetimpulse im Gehirn?

Das Gehirn selbst hat keine Schmerzrezeptoren, daher spüren Sie den Reiz nicht „im Kopf“. Wahrnehmbar sind das taktende Klopfen der Spule, ein Kribbeln auf der Kopfhaut und manchmal ein leichtes Muskelzucken im Gesicht.

Warum brauche ich mehrere Wochen Behandlung?

Weil der bleibende Effekt über Wiederholung und Neuroplastizität entsteht; ein einzelner Impuls reicht nicht. Klassische Protokolle laufen über Wochen; Accelerated-Protokolle verdichten das auf wenige Tage.

Woher wissen Sie, wo genau stimuliert werden soll?

Aus dem Assessment. Vor der rTMS führen wir Anamnese, Befunde und klinische Untersuchung zu einem Bild zusammen; wo die Fragestellung es verlangt, kommt ein qEEG-Brainmapping dazu, das Zielareal und Protokoll präzisiert. Erst daraus leiten wir ab, wo und wie stimuliert wird.

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