Wissen · Hirnnetzwerke

Hirnnetzwerke: Beschwerden haben selten einen Ort im Gehirn.
Sie haben einen Takt.

Sieben Netzwerke, verständlich erklärt: wo sie liegen, was sie leisten, wie es sich zeigt, wenn eines zu laut oder zu leise arbeitet, und wie wir das beurteilen. Für alle, die wissen wollen, was „ein Netzwerk aus dem Takt“ bedeutet.

Warum Netzwerke

Ein Symptom ist selten ein kaputtes Areal

Grübeln, Reizüberflutung, ein Kopf, der nicht mehr plant, ein Körper, der auf Alarm steht: Was Sie erleben, entsteht selten an einem einzelnen Punkt des Gehirns. Es entsteht im Zusammenspiel von Regionen, die als Netzwerk gemeinsam feuern. Gesund wechseln sich diese Netzwerke ab. Das Ruhenetzwerk tritt zurück, sobald das exekutive Netzwerk übernimmt, und das Salienz-Netzwerk entscheidet, wann. Beschwerden zeigen sich häufig genau dort, wo dieser Wechsel nicht mehr gelingt: Ein Netzwerk arbeitet zu laut, ein anderes zu leise, oder beide zur falschen Zeit.

Diese Seite geht die Netzwerke einzeln durch, immer im selben Raster: wo es liegt, was es leistet, wie Über- und Unteraktivität sich zeigen, bei welchen Krankheitsbildern es typischerweise beteiligt ist und wie wir es beurteilen und beeinflussen. Die Symptomlisten beschreiben, was häufig ist, keine Diagnose. Ein Netzwerkbefund ersetzt keine Diagnose; er ordnet ein, was die Diagnose offen lässt: warum zwei Menschen mit demselben Wort im Arztbrief verschieden behandelt werden sollten.

Hirnnetzwerke im Gespräch: Ein Arzt zeigt einer Patientin am Bildschirm eines qEEG-Befunds, welche Netzwerke bei ihr aus dem Takt sind; Behandlungsraum des Clinicum St. Georg.
Der Netzwerkbefund wird am eigenen Bild erklärt, ohne Fachjargon.
Überblick

Sieben Netzwerke, ein Raster

Sechs der sieben Netzwerke zeigt der Graph, so wie sie in der Gehirn-Netzwerk-Analyse und im Messbild auftauchen. Das visuelle Netzwerk kommt auf dieser Seite dazu, weil es im qEEG die erste Frage stellt. Springen Sie direkt zu dem Netzwerk, das Sie interessiert.

  1. 01Default-Mode-Netzwerk (DMN)Innenschau, Erinnern, Grübeln
  2. 02Salienz-Netzwerkentscheidet, was gerade zählt
  3. 03Zentrales Exekutiv-Netzwerk (CEN)Planen, Arbeitsgedächtnis, Steuern
  4. 04Aufmerksamkeitsnetzwerke (DAN und VAN)dorsal hält, ventral unterbricht
  5. 05Limbisches NetzwerkEmotion, Stress, Gedächtnis
  6. 06Sensomotorisches NetzwerkBewegung, Körpergefühl, Schmerz
  7. 07Visuelles NetzwerkSehen und Reizverarbeitung
  8. A bis ZGlossardie Begriffe dieser Seite, kurz erklärt
01 · Ruhezustandsnetzwerk

Default-Mode-Netzwerk (DMN)

Das Default-Mode-Netzwerk ist das Netzwerk, das anspringt, wenn Sie nichts tun. Beim Grübeln tut es zu viel davon.

Was es normalerweise leistet

Sobald keine Aufgabe von außen anliegt, übernimmt dieses Netzwerk. Es holt Erinnerungen hervor, spielt die nächste Woche durch, denkt über Sie selbst und über andere nach und hält Ihre Lebensgeschichte als Ganzes zusammen. Das ist keine Leerlaufaktivität: Aus Erlebtem lernen, sich in andere hineinversetzen, einen Plan für morgen fassen, all das braucht genau diese Innenschau.

Entscheidend ist der Wechsel. Kommt eine Aufgabe, tritt das DMN zurück und das exekutive Netzwerk übernimmt; Fachleute sprechen von Antikorrelation. Gesund ist ein DMN, das sich abschalten lässt, sobald die Welt etwas von Ihnen will.

Typische Symptome bei Überaktivität / Hochregulation

  • Grübeln und Gedankenkreisen, die sich nicht abstellen lassen, besonders abends und nachts
  • Ständiger Bezug auf sich selbst: Was habe ich falsch gemacht, was denken die anderen
  • Schwer aus dem Kopf in die Aufgabe zu kommen; Lesen, ohne den Inhalt aufzunehmen
  • Innere Unruhe trotz Erschöpfung; das Netzwerk tritt bei Aufgaben nicht zurück

Typische Symptome bei Unteraktivität / Herunterregulation

  • Wenig Zugang zu Erinnerungen und zur eigenen Geschichte, „wie neben sich stehen“
  • Schwierigkeiten, Zukunft zu planen oder sich in andere hineinzuversetzen
  • Leere statt Innenleben, flacher Antrieb
  • Bei kognitivem Abbau: hintere und vordere Knoten verlieren ihre Verbindung

Bei welchen Krankheitsbildern es typischerweise betroffen ist

Ein DMN, das zu laut ist oder bei Aufgaben nicht zurücktritt, wird in Verbindung gebracht mit:

Wie wir es beurteilen und beeinflussen

Am Anfang steht bei jedem Netzwerk ein strukturiertes Assessment: Anamnese, vorhandene Befunde, Fragebögen, klinische Untersuchung. Beim DMN fragen wir gezielt nach Grübeln, nach dem Abend und nach der Nacht. Ob ein qEEG dazukommt, entscheiden wir danach. Im qEEG zeigt sich ein DMN, das nicht zur Ruhe kommt, häufig als Rhythmus über den mittleren und hinteren Ableitungen, der bei geschlossenen Augen nicht anders aussieht als bei offenen. Bildgebung kommt dazu, wenn ein struktureller Grund auszuschließen ist, etwa bei beginnendem kognitivem Abbau.

Beeinflussen lässt sich das DMN selten direkt, es liegt zu tief in der Mitte. Der Weg führt über seine Gegenspieler: rTMS am dorsolateralen präfrontalen Kortex stärkt das exekutive Netzwerk und darüber die Fähigkeit, das DMN abzuschalten; für Depression ist dieser Weg in Leitlinien beschrieben. Neurofeedback trainiert den Wechsel zwischen Innen- und Außenfokus mit Rückmeldung in Echtzeit. Daneben gehört zum Konzept, was das DMN am Laufen hält. Schlafmangel senkt die Kontrolle über dieses Netzwerk, deshalb steht Schlaf im selben Plan. Nach Infektionen halten Entzündungsbotenstoffe das Gehirn in einem Zustand, in dem die Innenschau dominiert, deshalb gehört Labor dazu. Und was Sie erlebt haben, verändert die Verschaltung messbar, deshalb ist psychologische Begleitung Teil desselben Plans.

02 · Der Türsteher

Salienz-Netzwerk

Das Salienz-Netzwerk entscheidet, was gerade wichtig ist. Wenn es alles für wichtig hält, fühlt sich die Welt zu laut an.

Was es normalerweise leistet

Jede Sekunde treffen Reize von außen und Signale aus dem Körper ein: Herzschlag, Atem, Darm, Anspannung, dazu Geräusche, Gesichter, Nachrichten. Das Salienz-Netzwerk sortiert, was davon Aufmerksamkeit verdient, und schaltet dann um: Innenschau aus, Handeln an, oder umgekehrt. Die anteriore Insula liest dabei den Körper (Interozeption), der dACC bewertet und mobilisiert.

Deshalb sitzt dieses Netzwerk an der Schnittstelle von Gehirn und Körper. Was der Vagusnerv aus Darm und Herz meldet, landet hier zuerst.

Typische Symptome bei Überaktivität / Hochregulation

  • Reizüberflutung: Geräusche, Licht und Menschenmengen werden schnell zu viel
  • Alarmbereitschaft, Herzklopfen, Schwitzen ohne erkennbaren Anlass
  • Körperempfindungen werden als bedrohlich gelesen (Herz, Atem, Darm)
  • Aus dem Alarm kommt man schwer wieder heraus; der Schlaf bleibt oberflächlich

Typische Symptome bei Unteraktivität / Herunterregulation

  • Apathie, wenig Reaktion auf Wichtiges
  • Das Umschalten gelingt nicht, man bleibt im Grübeln oder in einer Aufgabe hängen
  • Körpersignale werden spät oder gar nicht wahrgenommen
  • Flache emotionale Reaktion, wenig Antrieb

Bei welchen Krankheitsbildern es typischerweise betroffen ist

Ein überaktives Salienz-Netzwerk zeigt sich häufig bei Angst, Trauma und chronischem Schmerz; ein träges eher bei Apathie. In Verbindung gebracht wird es mit:

Wie wir es beurteilen und beeinflussen

Im Assessment fragen wir hier nach Reizempfindlichkeit, Herzklopfen, Schlaf und nach dem Darm, und wir messen die Herzratenvariabilität (HRV) als Fenster in die autonome Regulation; HRV und qEEG zeigen zwei Seiten desselben Zustands. Ein qEEG kommt dazu, wenn die Frage lautet, ob das Gehirn auch in Ruhe in Alarmbereitschaft bleibt. Häufig zeigt sich das als Überschuss schneller Rhythmen über den vorderen und mittleren Ableitungen.

Der direkteste Zugang zur Salienz führt über den Vagusnerv. taVNS stimuliert seinen Ast am Ohr und erreicht über den Hirnstamm Insula und Cingulum; die Evidenz wächst, ist aber jünger als bei rTMS. Neurofeedback und HRV-Biofeedback trainieren, die eigene Alarmreaktion zu erkennen und herunterzuregeln. Dazu kommt, was den Türsteher nervös macht. Ein Darm, der ständig meldet, erzeugt ein Salienz-Netzwerk, das ständig hört: Darmbarriere und Darmflora sprechen über den Vagus und über Entzündungssignale direkt mit der Insula, deshalb gehören Darmdiagnostik und Ernährung in denselben Plan. Eine chronische Infektion hält das Immunsystem im Dauerbetrieb und senkt die Alarmschwelle; wer nur das Netzwerk stimuliert, arbeitet gegen einen Motor, der weiterläuft.

03 · Der Manager

Zentrales Exekutiv-Netzwerk (CEN)

Das exekutive Netzwerk ist der Teil von Ihnen, der einen Plan macht und ihn durchhält. Wenn es leise wird, wird alles anstrengend.

Was es normalerweise leistet

Arbeitsgedächtnis, Planen, Entscheiden, Impulse bremsen, die Aufmerksamkeit willentlich halten und Gefühle einordnen: Das ist das Netzwerk für die Steuererklärung, das schwierige Gespräch und die Liste für morgen. Es arbeitet „von oben nach unten“ und hält dabei das DMN und die Amygdala in Schach.

Es ist außerdem das energiehungrigste Netzwerk des Gehirns und das erste, das nachlässt, wenn Schlaf oder Energie fehlen. Ein leises exekutives Netzwerk ist deshalb sehr häufig ein Symptom von etwas anderem.

Typische Symptome bei Überaktivität / Hochregulation

  • Überkontrolle und Perfektionismus; Lösungen werden gesucht, aber nie abgeschlossen
  • Anspannung, „Kopf voll“, die Planung hört abends nicht auf
  • Kognitive Erschöpfung nach kurzer Zeit, weil das Netzwerk im Dauerbetrieb läuft
  • Einschlafen fällt schwer, weil das Denken nicht zurücktritt

Typische Symptome bei Unteraktivität / Herunterregulation

  • Planen, Anfangen und Fertigwerden fallen schwer
  • Arbeitsgedächtnis lückenhaft: Fäden gehen verloren, Sätze bleiben halb
  • Entscheidungen werden vertagt, Impulse schlechter gebremst
  • Gefühle überschwemmen, weil die Bremse fehlt; Brain Fog, Denken wie durch Watte

Bei welchen Krankheitsbildern es typischerweise betroffen ist

Ein „leise gewordenes“ exekutives Netzwerk, vor allem links, wird in Verbindung gebracht mit:

Wie wir es beurteilen und beeinflussen

Hier gehören zum Assessment kurze kognitive Tests (Arbeitsgedächtnis, Wortflüssigkeit, Aufmerksamkeit) und ein Labor, das die Energieversorgung prüft: Schilddrüse, Eisen, Vitamin B12, Entzündungswerte, bei Bedarf Cortisol. Arbeitet die Schilddrüse zu wenig, ist der leise präfrontale Kortex zuerst ein Schilddrüsenthema und erst dann ein Ziel für Stimulation. Nervenzellen sind die energiehungrigsten Zellen des Körpers; stockt die Energieproduktion nach einer Infektion oder unter chronischem Stress, sinkt die Leistung dieses Netzwerks, bevor irgendein Bild sie zeigt. Ein qEEG kommt dazu, wenn die Frage nach der Netzwerkaktivität selbst offen ist; ein leises exekutives Netzwerk zeigt sich dort häufig als Überschuss langsamer Rhythmen über der Stirn oder als Ungleichgewicht zwischen links und rechts.

Für die Stimulation ist dieses Netzwerk der am besten untersuchte Ort im Gehirn. rTMS am linken DLPFC ist bei Depression durch randomisierte Studien, Metaanalysen und Leitlinien belegt; Accelerated TMS verdichtet dieselbe Stimulation auf wenige Tage. tDCS setzt am selben Ort mit schwachem Gleichstrom an, mit wachsender Evidenz. Neurofeedback trainiert, die langsamen Rhythmen selbst zurückzufahren. Kein Mensch ist ein Mittelwert: Wo wir ansetzen, entscheidet Ihr Befundbild, und ob der Plan greift, sehen wir im Verlauf.

04 · Fokus halten, Fokus unterbrechen

Aufmerksamkeitsnetzwerke (DAN und VAN)

Aufmerksamkeit sind zwei Netzwerke: Eines hält den Blick auf dem Ziel, das andere unterbricht, wenn etwas Wichtiges passiert. Konzentrationsprobleme sind oft ein Streit zwischen beiden.

Was es normalerweise leistet

Dorsales Aufmerksamkeitsnetzwerk (DAN)

Es richtet die Aufmerksamkeit willentlich auf ein Ziel und hält sie dort: die Zeile im Text, das Gesicht im Gespräch, die Kreuzung beim Fahren. Es lenkt Blick und Aufmerksamkeit im Raum.

Ventrales Aufmerksamkeitsnetzwerk (VAN)

Es unterbricht, wenn etwas Unerwartetes und Relevantes auftaucht: der Zuruf, die Bewegung am Rand, der Rauchgeruch. Es sitzt überwiegend in der rechten Hirnhälfte. Gesund halten sich beide die Waage: Das eine hält, das andere darf unterbrechen, und das Salienz-Netzwerk entscheidet, wann.

Typische Symptome bei Überaktivität / Hochregulation

  • DAN: Tunnelblick, Hyperfokus, aus einer Aufgabe nicht mehr herauskommen
  • VAN: jede Kleinigkeit reißt die Aufmerksamkeit weg, Schreckhaftigkeit
  • Reizüberflutung in Räumen mit viel Bewegung und Geräusch
  • Erschöpfung nach Konzentration, weil das Halten gegen ständige Unterbrechung läuft

Typische Symptome bei Unteraktivität / Herunterregulation

  • DAN: der Fokus lässt sich nicht willentlich halten, Gedanken driften ab
  • Lesen ohne Aufnehmen; Aufgaben brauchen doppelt so lang
  • VAN: Wichtiges wird übersehen, Reaktionen kommen verspätet
  • Nach Schlaganfall rechts: eine Seite des Raums wird vernachlässigt (Neglect)

Bei welchen Krankheitsbildern es typischerweise betroffen ist

Aufmerksamkeitsnetzwerke, die zu wenig halten oder zu oft unterbrechen, werden in Verbindung gebracht mit:

Wie wir es beurteilen und beeinflussen

Bei Konzentrationsproblemen beginnt das Assessment mit der Geschichte, bei ADHS bis zurück in die Kindheit, mit validierten Fragebögen und einem Aufmerksamkeitstest am Bildschirm, der Halten und Unterbrechen getrennt misst. Und mit dem Schlaf: Ein Aufmerksamkeitsnetzwerk, das jede Nacht zu wenig bekommt, ist zuerst ein Schlafthema, gelegentlich ein Schlafapnoe-Thema. Das qEEG kann Hinweise geben, etwa einen Überschuss langsamer Rhythmen über der Stirn; es stellt keine ADHS-Diagnose, die bleibt klinisch. Nach einem Schlaganfall gehört die neurologische Untersuchung des Gesichtsfelds und der Raumwahrnehmung dazu.

Neurofeedback ist hier das am längsten eingesetzte Verfahren: Es trainiert das Halten der Aufmerksamkeit gegen den eigenen Rhythmus, mit moderater Evidenz bei ADHS. tDCS und rTMS an präfrontalen und parietalen Knoten werden untersucht, die Evidenz ist hier jünger; wir setzen sie ein, wenn das Befundbild dafür spricht. Nach Schlaganfall arbeitet die Neuro-Physiotherapie mit dem ventralen Netzwerk daran, die vernachlässigte Seite zurückzuholen. Bei Post-COVID gehören Immunsystem und Energiehaushalt in denselben Plan, weil ein Netzwerk, dem die Energie fehlt, kein Trainingsproblem hat.

05 · Emotion, Stress, Gedächtnis

Limbisches Netzwerk

Das limbische Netzwerk entscheidet, wie stark etwas wehtut, bevor Sie darüber nachgedacht haben.

Was es normalerweise leistet

Dieses Netzwerk bewertet: Gefahr oder Belohnung, nah oder fern, wichtig für mich oder nicht. Die Amygdala lernt Furcht und muss sie auch wieder verlernen können. Der Hippocampus legt neue Erinnerungen an und kennt den Kontext: Hier und jetzt ist sicher. Der OFC verrechnet Wert und Konsequenz, der ACC verbindet Gefühl mit Handlung. Über den Hypothalamus stellt das Netzwerk die Stresshormonachse ein, also Cortisol und Adrenalin.

Es ist schneller als das Denken. Das ist im Wald nützlich und im Alltag ein Problem, wenn es nicht mehr zwischen damals und heute unterscheidet.

Typische Symptome bei Überaktivität / Hochregulation

  • Angst, Panik, Schreckhaftigkeit; Situationen werden als Gefahr gelesen, obwohl sie es nicht sind
  • Gefühle überschwemmen, Reizbarkeit, dünne Haut
  • Stresshormone dauerhaft hoch: leichter Schlaf, Aufwachen gegen drei Uhr, Verspannung
  • Erinnerungen drängen sich auf (Flashbacks), das Gestern fühlt sich wie heute an

Typische Symptome bei Unteraktivität / Herunterregulation

  • Antriebslosigkeit und Anhedonie: nichts belohnt mehr
  • Emotionale Taubheit, Distanz zu Menschen, die einem wichtig sind
  • Gedächtnis für Neues lückenhaft, wenn der Hippocampus unter Dauerstress steht
  • Motivation fehlt trotz Wollen

Bei welchen Krankheitsbildern es typischerweise betroffen ist

Ein limbisches Netzwerk, das zu schnell Alarm gibt oder nichts mehr belohnt, wird in Verbindung gebracht mit:

Wie wir es beurteilen und beeinflussen

Hier gehört zum Assessment ein Gespräch, das Zeit lässt: Was war, was ist, was löst aus. Fragebögen zu Angst, Stimmung und Belastung, ein Labor mit Cortisol-Tagesprofil, Schilddrüse, Sexualhormonen und Entzündungswerten, weil Hormone die Grundspannung des Nervensystems einstellen. Die Amygdala selbst lässt sich im Oberflächen-EEG nicht direkt messen; ein qEEG zeigt die Folgen an der Oberfläche, etwa ein Ungleichgewicht zwischen linker und rechter Stirn oder einen Überschuss schneller Rhythmen. Bei Gedächtnislücken kommt Bildgebung dazu, um den Hippocampus selbst zu sehen.

Neuromodulation erreicht dieses Netzwerk über seine Bremsen. rTMS an präfrontalen Regionen, die die Amygdala regulieren, wird bei Angst und PTBS mit wachsender Evidenz untersucht; bei Depression ist derselbe Weg etabliert. taVNS dämpft die Stressachse über den Vagusnerv, die Datenlage ist jung. HRV-Biofeedback und Neurofeedback geben dem Körper eine Rückmeldung, die er lange nicht hatte: dass die Gefahr vorbei ist. Erlebtes verändert die Verschaltung messbar, deshalb arbeiten Neuromodulation und psychologische Begleitung am selben Netzwerk, von zwei Seiten.

06 · Bewegung, Körpergefühl, Schmerz

Sensomotorisches Netzwerk

Das sensomotorische Netzwerk ist die Karte Ihres Körpers im Gehirn. Bei chronischem Schmerz ist die Karte oft verzerrt.

Was es normalerweise leistet

Es plant und führt Bewegung aus, spürt den Körper (Berührung, Lage, Temperatur, Ort eines Schmerzes) und stimmt beides mit dem Kleinhirn fein ab. Jeder Körperteil hat auf diesem Streifen seinen Platz, Hände und Gesicht besonders viel davon.

In Ruhe hat dieser Streifen einen eigenen Rhythmus, den sensomotorischen Rhythmus (SMR, 12 bis 15 Hz). Er steht für den Zustand „wach, aber körperlich ruhig“ und ist im EEG gut zu sehen.

Typische Symptome bei Überaktivität / Hochregulation

  • Dauerhafte Muskelanspannung, Verspannungen, Zähneknirschen
  • Überempfindlichkeit für Berührung, Druck oder Temperatur
  • Bewegungsunruhe, Tics, das Gefühl, nie ganz stillsitzen zu können
  • Schmerz, der nach der Heilung des Gewebes bleibt: Die Karte hat den Schmerz gelernt

Typische Symptome bei Unteraktivität / Herunterregulation

  • Ungeschicklichkeit, verlangsamte Bewegung, die Feinmotorik lässt nach
  • Der Körper fühlt sich fremd oder taub an, ohne dass ein Nerv geschädigt ist
  • Gleichgewicht und Koordination werden unsicher
  • Nach Schlaganfall: Kraftverlust oder Lähmung einer Seite

Bei welchen Krankheitsbildern es typischerweise betroffen ist

Ein sensomotorisches Netzwerk, das nicht zur Ruhe kommt oder seinen Zugang verloren hat, wird in Verbindung gebracht mit:

Wie wir es beurteilen und beeinflussen

Hier ist die klinisch-neurologische Untersuchung der Kern des Assessments: Kraft, Reflexe, Sensibilität, Koordination, Gang. Dazu Schmerzfragebögen und, wo ein struktureller Grund im Raum steht, ein MRT. Im qEEG zeigt sich ein sensomotorischer Streifen, der nicht zur Ruhe kommt, häufig als fehlender oder schwacher SMR über den zentralen Ableitungen. Schlafmangel senkt die Schmerzschwelle messbar, und chronische Entzündung hält Schmerzbahnen empfindlich; beides fragen wir ab, bevor wir über Stimulation sprechen.

rTMS über dem motorischen Kortex ist bei neuropathischem Schmerz seit Jahren untersucht und in europäischen Expertenempfehlungen als wirksam eingestuft; bei Fibromyalgie und nach Schlaganfall ist die Evidenz moderat und wächst. tDCS setzt am selben Ort an. SMR-Neurofeedback trainiert den Ruhezustand des Streifens. Und weil eine Karte nur durch Benutzung neu gezeichnet wird, gehört Neuro-Physiotherapie mit in den Plan: Stimulation öffnet ein Fenster, Bewegung nutzt es.

07 · Sehen und Reizverarbeitung

Visuelles Netzwerk

Das visuelle Netzwerk ist das größte Reizverarbeitungssystem des Gehirns. Wenn es überreizt ist, wird schon Licht zur Belastung.

Was es normalerweise leistet

Es macht aus Licht Kontraste, Farben, Bewegung, Gesichter und Buchstaben und reicht das Ergebnis an Scheitel- und Schläfenlappen weiter, wo aus Sehen Handeln und Erkennen wird. Fast ein Drittel der Hirnrinde ist damit beschäftigt.

Schließen Sie die Augen, soll dieses Netzwerk in den Alpha-Rhythmus fallen (8 bis 12 Hz), den stabilsten Rhythmus des EEG. Ob es das tut, ist eine der ersten Fragen an jedes qEEG.

Typische Symptome bei Überaktivität / Hochregulation

  • Lichtempfindlichkeit, Blendung, Sonnenbrille auch drinnen
  • Flimmern, Aura, Visual Snow: das Netzwerk feuert ohne passenden Reiz
  • Überforderung in Supermärkten, vor Bildschirmen, bei Mustern und Bewegung
  • Im qEEG: Das Netzwerk baut bei geschlossenen Augen keinen Alpha-Rhythmus auf

Typische Symptome bei Unteraktivität / Herunterregulation

  • Erkennen und Lesen werden langsam und ermüden schnell
  • Gesichtsfeldausfälle nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma
  • Orientierung und Bewegungssehen werden unsicher
  • Verschwommene Verarbeitung trotz gesunder Augen

Bei welchen Krankheitsbildern es typischerweise betroffen ist

Ein visuelles Netzwerk, das zu leicht feuert oder seine Zufuhr verloren hat, wird in Verbindung gebracht mit:

Wie wir es beurteilen und beeinflussen

Vor jeder Netzwerkfrage stehen hier die Augen und der Sehnerv: augenärztliche Abklärung, neurologische Untersuchung mit Gesichtsfeld, bei Bedarf Bildgebung. Erst dann lohnt das qEEG, und dort ist die Alpha-Reaktivität die Kernfrage: Baut das Netzwerk bei geschlossenen Augen seinen Ruherhythmus auf, und bricht er beim Öffnen sauber ab? Ein Netzwerk, das nicht zur Ruhe kommt, ist häufig ein überreiztes Netzwerk.

Direkte Stimulation der Sehrinde mit rTMS oder tDCS wird bei Migräne untersucht; die Evidenz ist begrenzt, und wir setzen sie nur adjunktiv und nach ausführlicher Aufklärung ein. Häufiger führt der Weg über das, was die Sehrinde überreizt: Schlaf und Lichthygiene, bei Migräne der Hormonzyklus, bei Post-COVID das Immunsystem, das die Reizschwelle senkt. Nach Schlaganfall gehören Gesichtsfeldtraining und Neuro-Physiotherapie dazu, weil das Netzwerk seine Zufuhr nur durch Benutzung zurückgewinnt.

Und jetzt

Vom Netzwerk zum Plan

Keines dieser Netzwerke arbeitet allein. Ein leises exekutives Netzwerk und ein lautes DMN sind oft dasselbe Bild von zwei Seiten, und ein Salienz-Netzwerk im Alarm zieht das limbische mit. Deshalb behandeln wir das Muster, das das Assessment zeigt, und das, was es antreibt: Schlaf, Immunsystem, Hormone, Darm, Erlebtes. Unser Anspruch ist, das funktionelle Gleichgewicht wiederherzustellen, so weit es geht ohne Chemie; wie weit das in Ihrem Fall trägt, zeigt sich im Verlauf, deshalb messen wir vorher und nachher.

Einen ersten Eindruck, welche Netzwerke bei Ihnen beansprucht wirken, gibt die Gehirn-Netzwerk-Analyse in zehn Minuten. Wie aus dem Assessment ein Programm wird, steht auf der Seite zur Methode. Kürzere Fassungen dieses Themas: Die sechs Hirnnetzwerke einfach erklärt und Das Default-Mode-Netzwerk.

Glossar

Die Begriffe dieser Seite

Netzwerk (funktionell)
Regionen, die gemeinsam aktiv werden, auch wenn sie weit auseinanderliegen. Sichtbar in funktioneller Bildgebung und im qEEG als Regionen, deren Rhythmen im Gleichtakt schwingen.
Knoten (Hub)
Eine Region, die in einem Netzwerk besonders viele Verbindungen bündelt. Der PCC ist der zentrale Knoten des DMN.
Konnektivität
Wie stark zwei Regionen miteinander im Austausch stehen. „Hyperkonnektivität“ heißt zu eng gekoppelt, „Hypokonnektivität“ zu lose.
Antikorrelation
Zwei Netzwerke, die sich abwechseln: Wird das eine aktiv, tritt das andere zurück. DMN und exekutives Netzwerk sind das bekannteste Paar; bei Grübeln und Brain Fog ist dieser Wechsel häufig gestört.
Über- und Unteraktivität
Ein Netzwerk arbeitet stärker oder schwächer, als es die Situation verlangt. Beides kann Beschwerden machen; die Richtung entscheidet über den Ansatz.
Hoch- und Herunterregulation
Die Verschiebung der Grundaktivität eines Netzwerks nach oben oder unten, etwa durch Dauerstress, Schlafmangel oder Entzündung.
Salienz
Wie sehr ein Reiz Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das Salienz-Netzwerk vergibt diese Gewichtung.
Interozeption
Die Wahrnehmung des eigenen Körperinneren: Herzschlag, Atem, Darm. Sitz vor allem in der Insula.
Präfrontaler Kortex
Der vordere Teil des Stirnhirns. Dorsolateral (DLPFC) steuert, medial (mPFC) bezieht auf sich selbst, orbitofrontal (OFC) bewertet.
Cingulum (ACC / PCC)
Ein Gürtel um den Balken. Vorn (ACC) verbindet er Gefühl mit Handlung, hinten (PCC) ist er der Kern der Innenschau.
qEEG
Quantitatives EEG: Die Hirnströme werden mit vielen Elektroden aufgezeichnet und mit einer Normdatenbank verglichen. Ein Diagnostikverfahren, kein Behandlungsverfahren.
Alpha, Theta, Beta, SMR
Frequenzbänder der Hirnströme: Alpha (8 bis 12 Hz) Ruhe bei geschlossenen Augen, Theta (4 bis 8 Hz) Schläfrigkeit und Innenschau, Beta (13 bis 30 Hz) aktives Denken oder Alarm, SMR (12 bis 15 Hz) ruhiger Körper.
Neuromodulation
Verfahren, die die Aktivität von Nervenzellen gezielt verändern, ohne Eingriff: rTMS, tDCS, taVNS, Neurofeedback. Bei uns ein Baustein im Gesamtkonzept.
HRV
Herzratenvariabilität: die feinen Schwankungen des Herzschlags, ein Maß für die Regulation durch den Vagusnerv. Zeigt denselben Zustand wie das qEEG, nur vom Körper aus.
Alle Angaben zu Wirksamkeit und Evidenz beruhen auf peer-reviewten Studien und Leitlinien; den jeweiligen Evidenzstand weisen wir auf jeder Behandlungsseite aus. Behandlungserfolge sind individuell.

Welches Netzwerk ist bei Ihnen aus dem Takt?

Im kostenlosen Erstgespräch, 15 bis 20 Minuten mit unserem medizinischen Team, klären wir, ob sich in Ihrem Fall ein Assessment lohnt und welche Messungen dazugehören. Sie gehen mit einer klaren Einschätzung hinaus.

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